Radclub Münster e.V.

Radsport aus Leidenschaft

Mein 500 km-Radmarathon

Von „Bene“ Heinermann im Juni 2012

Die Frage nach dem „Warum?“

Während der Tour im RC-Trikot

Während der Tour im RC-Trikot

Ich klicke mich in das rechte Pedal, schwinge mich aufs Bike und es klickt ebenfalls auf der linken Seite. Es ist 23:30 Uhr am Freitag, den 08.06.2012. Was treibt mich um diese Uhrzeit aufs Bike? Es ist Marathon-Zeit, besser besagt Burning Roads-Zeit. Burning Roads ist ein Ochtruper Spendenmarathon, der jedes Jahr nachts um 2 Uhr in Ochtrup über ca. 380 Km gestartet wird. Mein Ziel ist es jedoch, 500 km zu absolvieren.

Mit spürbar starkem Seitenwind schiebe ich das Rad, ausgestattet mit Licht, drei Trinkflaschen und der Rucksack gefüllt mit Unmengen an Gels und Riegeln durch die finstere Nacht, immer der Streckenwegweisung auf dem Garmin in Richtung Ochtrup. Die Nacht ist schon was besonderes, so ganz allein, stockdunkel. Zwischenzeitlich geht mein Puls in die Höhe, wenn ein Hase die Straße überquert oder eine Eule meint, einen Tieffliegerangriff zu starten. Schon komisch wie schnell 52 km vergehen, wenn ich die 500-km-Marke in 24 Stunden vor Augen habe.
Pünktlich um 01:30 Uhr stehe ich am Radsportgeschäft Krechting in Ochtrup und warte auf die Einschreibung.
Nach kurzer Ansprache der Organisatoren setzt sich das Feld von ca. 100 Langstreckensüchtigen, Profis wie Anfängern, in Bewegung. Vorweg drei Motorräder, die die Straße bestens für uns absichern und im Nacken drei Bullis mit Anhängern.
Bald verlassen wir Deutschland über den Grenzübergang bei Gronau und fahren über Enschede nach Arnheim.
Der Wind wird bei Sonnenaufgang stärker und heute häufig unser Begleiter sein. Es ist kühl. 8 Grad in den Morgenstunden, die Trikots sind vom Schweiß getränkt und die Teilnehmer ausgekühlt.

In den frühen Morgenstunden durchqueren wir Arnheim und fahren über die Rheinbrücke auf dem gegenüberliegenden Rheindeich. Der Wind hat etwas dagegen und versucht uns mit bis zu 30 Km/h vom Deich zu pusten. Unser Tempo ist mit 27 Km/h recht überschaubar, so dass es fast jeder Teilnehmer bewältigen kann. Mir selber geht es zu dieser Zeit wunderbar, obwohl ich nunmehr bereits seit mehr als 24 Stunden auf den Beinen bin. Jede Stunde vertilge ich einen Riegel und nehme einen ordentlichen Schluck aus der Pulle.
Bald ist der Wendepunkt in Nimwegen erreicht und wir fahren über die alte Rheinbrücke auf die andere Seite. Leider tricksen wir den Wind dadurch nicht aus, immer noch starker Seitenwind. Endlich gelangen wir zum „Kernwasser-Wunderland“ in Kalkar, wo ein Mittagessen schon auf uns wartet. Schnell wechseln wir die Klamotten und verdrücken eine gute Portion Nudeln.
Nach einer guten Stunde heißt es dann wieder aufsitzen, und der Tross setzt sich in Richtung Xanten in Bewegung.

 Nach einer verdienten Pause

Nach einer verdienten Pause

Ab der alten Römerfestung Xanten meint es auch der Wettergott gut mit uns und schenkt uns Sonne und: ja Rückenwind. Dieser hält bis auf kurze Abschnitte bis zum Schluss.
Immer wieder fahren andere Partner neben mir, aus den zu Anfang ordentlichen Zweierreihen wird im späteren Verlauf ein ineinander liegender Tross mit 3 bis 4 Rennradlern nebeneinander. Meine Beine sind bisher gut, aber kurz nach Wesel habe einen Totpunkt. So kommt es fast dazu, dass ich auf dem Rad einschlafe, der berühmte Sekundenschlaf. Da freue ich mich, dass die nächste Pause naht. Ich vernichte meinen Energy-Drink, spüre dessen Wirkung, die fünfmal stärker als der berühmte rote Bulle ausfällt.
Ein Satz eines Rennradlers zwingt mich zum Nachdenken, als er mich fragt, warum ich das hier und heute mache. Warum will ich unbedingt die 500 Km-Marke knacken?
Ich muss zugeben, dass ich ihm darauf keine Antwort geben kann. Als wenn mir jemand die Zunge abgeschnitten hat, bringe ich kein Wort heraus. Ich weiß es selber nicht. Macht es Spaß? Gibt es etwas zu gewinnen? Ist es eine Herausforderung? War es eine Wette unter Alkoholeinfluss?
Nein, ab 300 km ist es kein Spaß mehr, der Körper wird müde und die Gedanken kreisen im Kopf und ich weiß, dass ich noch mindestens 10 Stunden radeln muss. Könnt ihr euch vorstellen, was es heißt noch 10 Stunden fahren zu MÜSSEN? Es macht einen seelisch fertig. Zudem drückt meine Blase mehr und mehr und zwingt mich immer wieder die Truppe rechts zu verlassen und sie danach mit 45 Km/h wieder einzuholen. Das zerrt nicht nur an den Kräften, sondern es stellt sich wieder die Frage nach dem „Warum?“.
Je näher wir uns Ochtrup nähern, je dichter werden die Wolken und der ein und andere Tropfen geht auf uns nieder. Also wieder rechts ran, Regenkleidung an und wieder hinterher hetzten.
Der Tacho zeigt mittlerweile stolze 410 Km an, mein absoluter Rekord. Ich hätte jetzt schon mit erhobenem Haupt abziehen können. Aber nein, es wussten einfach zu viele von der Zahl 500. Für diesen Druck habe ich selber gesorgt, dieser drückt immer stärker auf mich. Aufgeben? Das Wort kenne ich nicht und wenn ich mit dem letzten Atemzug in Münster triumphierend einfahren würde, das ziehe ich durch.
In Ochtrup werden wir mit Pauken und Trompeten empfangen. Freunde, Familien, Sponsoren applaudierten uns kräftig zu. Was für ein Empfang, der geht runter wie Butter.
Tachostand 419. Verdammt, noch 81 Km bei nur 52 direkten Kilometern bis nach Münster. Daher verabschiede ich mich und schnalle meinen Rucksack auf.
Es ist wunderschön in den Abend hineinzufahren. Es wird immer stiller auf der Straße. Kurz nach Laer und 450 Km schlage ich den Weg in Richtung Havixbeck ein. Da mein Hirn schon abseits an der Straße geparkt ist, vergesse ich, dass es rund um Havixbeck hügelig wird. Diese Tatsache beschert mir noch satte Höhenmeter und müde Oberschenkel. Die Frage nach dem „Warum?“ steht immer noch im Raume und raubt mir wertvolle Kraft, zudem die Frage: „Wohin fahre ich, reicht es für die magische Zahl?“ Immer diese Fragen. Meine Laune ist im Keller. Jeder Kilometer wird länger und länger während der einsetzenden Dunkelheit. Mein Körper ist nur noch eine Maschine, ja sie funktioniert voll automatisch wie ein Roboter. Die Beine bewegen sich von alleine, ohne dass der Kopf noch Signale aussenden muss. Ich bin schon so abseits. Ich merke gar nicht mehr, dass ich überhaupt noch trete und Druck auf die Pedale ausübe.
Es ist ein Beißen als ich durch Davensberg fahre, denn jetzt wird mir stark bewusst, dass es eng wird mit der magischen Zahl. Ich halte kurz an, um meinen Ankunftszeitpunkt zu simsen. Au, die ersten Umdrehungen tun weh. Na toll, nicht nur müde, seelisch fertig, sondern jetzt kommt auch noch der Schmerz dazu. Oder war der schon länger da? Ich weiß es nicht.
Aber ich es schaffe es, egal ob ich nachher vom Rad kippe oder nicht.

Der Nachweis

Der Nachweis

Endlich, Münster-Amelsbüren ist erreicht. Tachostand: 495 Km. Nein, bis nach mir nach Hause sind es noch 5 Km.

Das ist mir eindeutig zu knapp. Nicht, dass ich nachher nur 499,99 Km auf dem Tacho stehen. Ne, ne. Da fahre ich einen kleinen Schlenker. Um 23:12 Uhr erreiche ich mein Heim nach 502 Km.
Überglücklich und „Mega“ stolz auf mich klickte ich aus den Pedalen und schaue in den Himmel. Er ist sternenklar.
Meine Freundin trudelte ein wenig später ein. Ich bin so müde, dass ich beim Essen immer wieder kurz einnickte.
Es war ein wundervoller, aber auch nachdenklicher Tag. Denn die Frage nach dem „Warum?“ ist immer noch nicht beantwortet. Es macht Spaß, aber nicht über diese Dauer. Es ist eine Folter für den Körper und ein Austricksen des inneren Schweinehundes.

Aber jeder, der mich kennt weiß, dass ich im nächsten Jahr wieder einen draufsetzen werde.

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