Radclub Münster e.V.

Radsport aus Leidenschaft

Unsere „Route des Grandes Alpes“

Von Karl-Heinz Althues im September 2012

„Die Route des Grandes Alpes ist für Radsportler das vielleicht größte und eindrucksvollste Unternehmen im Alpenraum. Acht Pässe sind zu überwinden, darunter die höchsten der Alpen, und nichts könnte das Außergewöhnliche dieser Strecke besser dokumentieren als der kurze Zeitraum im Jahr, in dem eine Befahrung überhaupt möglich ist.

Erst Ende Juni ist die gesamte Strecke für den Verkehr freigegeben und schon Ende September versinkt sie wieder unter der Last des Neuschnees.“
Diese Ausführungen von Rudolf Geser hatten mich vor zwei Jahren neugierig gemacht, als ich das von ihm verfasste Buch „Die schönsten Alpenpässe mit dem Rennrad“ erwarb. Aber sein Hinweis, dass auch innerhalb des genannten Zeitraums immer wieder mit Teilsperrungen aufgrund widriger Wetterverhältnisse zu rechnen und für die Bewältigung der Strecke neben Erfahrung und guter Kondition auch Glück mit dem Wetter von Nöten sei, nötigten mir den notwendigen Respekt für das Unternehmen ab. Im Frühjahr kristallisierte sich ein Quartett heraus, das unsere Route des Grandes Alpes von Vernayas nördlich von Martigny am Genfer See bis nach Nizza in Angriff nehmen wollte. Christian Niemann, Wolli Kottenstedte, mein Bruder Manfred und ich starteten, begleitet von unserem „Service-Duo“ Susanne Niemann und meiner Frau Susanne, am Sonntag des letzten Augustwochenendes zu unserer sechs Etappen umfassenden Route über die Alpen.

Der erste Col ist geschafft: v.l.: Wolli Kottenstedte, Manfred und Karl-Heinz Althues, Christian Niemann

Der erste Col ist geschafft: v.l.: Wolli Kottenstedte, Manfred und Karl-Heinz Althues, Christian Niemann

Sonntag, 26.08.2012

Nachdem es die Nacht über geregnet hatte, begrüßt uns Sonnenschein zu Beginn unser 96 km langen Etappe, die uns ausgehend von dem 380 Meter hoch gelegenen Vernayas über den Col du Grand St. Bernhard (2.473 m) bis nach St. Pierre westlich von Aosta führen soll. Starker Ausflugsverkehr auf der E 27 zwingt uns in einer Reihe bis ins 20 km entfernte Orsiéres zu fahren. Hier beginnt der eigentliche 30 km lange Aufstieg zum Col, dessen Steigungen sich mit 7-8 %, nur auf den letzten 10 km mit bis zu 11 % recht „moderat“ zeigen. Ab den stärkeren Steigungen fährt jeder von uns  in seinem eigenen Rhythmus  bis zu einem Restaurant auf der Passhöhe. Dort können wir uns mit einer warmen Gemüsesuppe stärken. Geschützt mit Arm- und Beinlingen sowie einer Windjacke folgt eine grandiose kilometerlange Abfahrt, die wir hin und wieder unterbrechen, um unsere durch die vielen Bremsmanöver taub werdenden Finger zu massieren. Auf dem Marktplatz im italienischen Aosta wartet neben einem Cappuccino ein vorzügliches Bananensplit-Eis auf uns. Noch einmal haben wir rd. 200 Höhenmeter, zuletzt mit über 20 Steigungsprozenten zu bewältigen, um unser versteckt oberhalb des Ortes liegende Hotel „Lo Flye“ zu erreichen.

 

Montag, 27.08.2012

Auf dem Col

Auf dem Col

Bei erneut strahlendem Sonnenschein und 13 °C in den Morgenstunden machen wir uns auf zur 84 km langen Strecke über den Col du Petit St. Bernhard (2.188 m), den italienisch-französischen Grenzübergang. Etappenziel ist das beschauliche Örtchen Sainte Foy Tarentaise, schon im Aufstieg zum Col de l´Iseran gelegen. Zunächst aber gilt es den Col du Petit St.-Bernhard zu bezwingen, dessen Kehren 23 km unterhalb des Passes auf der wenig befahrenen Straße immer wieder einzigartige Blicke auf das schneebedeckte Mont Blanc-Massiv zulassen. Wieder eine schwindelerregende Abfahrt bis hinunter nach Seez. Eine Cafe-Pause dehnen wir bis 16.00 Uhr aus. Dann öffnet der kleine Lebensmittelladen, in dem wir unsere Getränkevorräte auffüllen können, um die moderate Steigung bis ins Etappenziel zu absolvieren.

 

 

Dienstag, 28.08.2012

Auf zum Col de l´Iseran

Auf zum Col de l´Iseran

Das sehr komfortable Hotel „Mondal“ im knapp 1000 Seelen zählenden Nest Sainte Foy Tarentaise bietet eine gute Ausgangsbasis für unseren bevorstehenden Ritt über den zweithöchsten für den öffentlichen Verkehr befahrbaren Alpenpass, den 2.770 m hoch gelegenen Col de l´Iseran.
Vorbei an dem Wintersportort Barage de Tignes warten mehrere Tunnel auf uns, einer davon noch unbeleuchtet. Daher klemmen wir die Beleuchtung an unsere Räder, ich lege meine reflektierende Warnweste an. Unbeschadet gelangen wir so über die D 902 nach Val-d´Isère, das im Sommer etwas ausgestorben wirkt. Bei einem Supermarkt vertilgen wir die soeben erworbenen Bananen. Zudem füllen wir die Wasserflaschen auf. Nach Val-d´Isère windet sich die gut befahrbare und weitestgehend autofreie Straße hinauf auf den Pass. 10 % und mehr beträgt das Steigungsniveau. Auf dem Pass erwarten uns ein umwerfender Panoramablick sowie eine urige Gaststätte. Für unseren Hunger gibt es dort neben einer kräftigenden Suppe herzhaft belegte Baguettes, finanziert aus der zuvor angelegten Gemeinschaftskasse. Noch liegen rd. 75 km sowie der Col de la Madeleine vor uns. Den Col nehmen wir wegen seiner  auf nur 1,5 km Länge betragenden 6 %tigen Steigung zwischenzeitlich „mit links“. In Lanstebourg, ca. 40 km vor dem Ziel noch einmal eine Pause. Weiter geht es jetzt ständig leicht bergab. Ein kräftiger Gegenwind kompensiert das jedoch, so dass sich unsere Geschwindigkeit entlang des Flusses Arc bis zu unserem Zielort St. Michel-de Maurienne, einem reizlosen Industrieort, bei zunehmendem Verkehrsaufkommen zwischen 30 und 40 km/h einpendelt.

 

Mittwoch, 29.08.2012

Wir haben es geschafft

Wir haben es geschafft

Einen Vorteil hat St. Michel-de Maurienne (712m hoch gelegen). Gerade sind wir bei wiederum ausgezeichneten Witterungsverhältnissen 2,5 km im Sattel, schon  befinden wir uns auf  unserer s.g. „Königsetappe“. Obwohl sie mit 71 km am kürzesten ausfällt, steigt die wenig befahrene Straße zum Col du Telegraphe (1.566 m) mit 10 % deutlich stärker an als es uns die straßenbegleitenden Markierungssteine suggerieren wollen. Als wir nach rd. 12 km die Passhöhe erreichen, sind wir verwundert, dass es nur ein kleines Hinweisschild gibt. Die Straße fällt die nächsten 5 km in Richtung Valloire ab. Dort angekommen, muss es ein Cappuccino sein. Am Dorfbrunnen füllen wir unsere Wasserflaschen, um für den nun folgenden 17,5 km langen Anstieg zum Col du Galibier gut gerüstet zu sein. Jeder bewältigt die letzten 10 Steigungskilometer, die es mit 10 und zuletzt 14 % in sich haben, in seinem eigenen Tempo.
Es ist schon erstaunlich und bewundernswert wer sich und zum Teil mit schwer bepackten Tourenrädern den Pass hinauf quält. Auf der Passhöhe kommt es zu rührenden Szenen. Wildfremde Radler liegen sich in den Armen und gratulieren sich zur erbrachten Leistung. Der Mythos des durch die Tour de France bekannten Passes lebt. Trotz des Sonnenscheins, der prächtigen Fernsicht und etlichen Erinnerungsfotos zwingt uns ein frischer kalter Wind zur Abfahrt bis ins noch 35 km entfernt gelegene Briancon.

Donnerstag, 30.08.2012

„Edelweiß“ lautet der Name der Hotelunterkunft in Briancon. Unsere Räder bringen wir heute, vorbei an der Rezeption und durch den Frühstücksaal, über eine schmale Treppe hinunter in den Weinkeller des Hotels. Hier werden sie gut gesichert verschlossen. Bereits am Abend, als wir uns zu unserem Abendessen in die Vauban-Festungsstadt aufbrechen, ziehen erste dunkle Wolken auf. Die Wetterprognose verheißt für morgen nichts Gutes. Die Prognose bewahrheitet sich. Mit bedröppelten Gesichtern verdrücken wir am Frühstückstisch unsere Croissants. Es gießt wie aus Kübeln. Nebelschwaden ziehen vorbei. Müssen wir auf die heutige Etappe über Izorad- und Varspass nach Jausiers verzichten? Es sieht so aus. Weniger wegen des Aufstieges, sondern wegen der bisher gesammelten Erfahrungen in den Abfahrten, die uns bei Nässe –so befürchten wir- unkontrolliert ins Nichts fahren lassen könnten. Wir trösten uns mit dem bisherigen Wetterlauf. Acht ebenfalls im Hotel logierende Spanier in Rennradkluft machen uns Mut. Wollen sie es wagen? Doch anstatt sich auf ihre Renner zu setzen, steigen sie in einen Bus. Da heißt es auch für uns endgültig: Räder auf den Radträger befestigen und über eine verkürzter Strecke zwei Mal mit dem Pkw nach Jausiers. In unserem Quartier, dem „Chateau des Magnans“ treffen wir auf eine Gruppe Rennradler des RSC Essen-Kettwig, die ihre Etappenfahrt „Tour de France“ (noch deutlich anspruchsvoller als die unsrige -1.350 km in 12 Tagen bei über 30.000 Höhenmetern) bewältigen. Ein Teil der Gruppe hatte sich zudem nicht von den widrigen Witterungsverhältnissen abschrecken lassen und hielt die Abfahrten für vertretbar.

Freitag, 31.08.2012

Das Dach der Tour

Das Dach der Tour

Wie würde es werden, das Wetter bei unserer letzten gut 130 km langen Etappe über das Dach unserer Route, den 2802 Meter messenden Col de la Bonnette? Sonnenschein – ein Glück. Unser Chateau liegt direkt an der kleinen, aber top asphaltierten C 1, der Straße zum Col. 24 schweißtreibende Kilometer liegen vor uns. Erstmalig nehme ich meinen kleinen Rucksack mit Wechselkleidung und Winterhandschuhen mit. Kilometer um Kilometer zieht sich die Straße durch die unwirtliche Gegend hin. Die Steigungsprozente liegen bei 10 – 14. Heute bleibe ich bis zum Col bei Wolli, der erstmalig nach 8 km eine kurze Pause einlegen muss. Manfred und Christian fahren ihren eigenen Rhythmus und kommen etliche Minuten vor uns an. Auf dem Pass: 2,5 °C, ein steifer Wind. Die Sonne hat die beiden nicht gewärmt. Fröstelnd empfangen sie uns. Schnell die Wäsche gewechselt, Handschuhe übergezogen, ein Foto geschossen und dann hinunter in die steile 25km-Abfahrt ins 1.150 m hoch gelegene St-Etienne-de Tinnée. Am dortigen Marktplatz warten die beiden Susannes bereits auf uns. Wir gönnen uns einen Cappuccino und eine Pizza. Richtig warm wird uns aber immer noch nicht. 85 weitere immer leicht abfallende Kilometer bis zum Strand in Nizza liegen vor uns. Der Rückenwind beschleunigt unsere Fahrt. Das Tempo liegt zwischen 40 und 55 km/h. Nach einer kleinen Regendusche erwischt Wolli doch noch ein Plattfuss am Vorderrad. Er kann seinen Renner mit viel Geschick zum Stehen bringen.

Schnell geht der Schlauchwechsel von statten, dann immer weiter in Richtung Nizza. Noch rd. 30 km, eine drohende Gewitterfront, die sich kurz vor Nizza über uns für etwa 10 Minuten entlädt, im Nacken. Das Verkehrsaufkommen nimmt drastisch zu. Rushhour in Nizza. Ellenbogen, „breit machen“ ist jetzt gefragt. Endlich haben wir die „Promenade des Anglais“, die strandbegleitende Straße in Nizza erreicht. Selbst einen Radweg gibt es entlang der 10 spurigen Straße. Ich weiß, unser Hotel liegt zwischen Flughafen und Innenstadt, in einer auf der gegenüberliegenden Straßenseite abzweigenden Nebenstraße, aber wo? Ich bitte Susanne per Handy sich auf der Promenade zu postieren. Da sehen wir die Frauen.  Sie lotsen uns zum Strand für das obligatorische Abschlussfoto.
Erschöpft und stolz sind wir auf uns, ein unvergessliches Erlebnis liegt hinter uns. Ein besonderer Dank geht an die beiden Susannes, die immer dann zur Stelle waren, wenn wir sie einmal brauchten.

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