Radclub Münster e.V.

Radsport aus Leidenschaft

Meine Winterreise

Von Valerie Fender im Juni 2013

Jaufenpass

Jaufenpass

Als ich mich mit drei Freunden und unseren Rennrädern Ende Mai mit dem Nachtzug Richtung Österreich aufmachte, hegten wir noch lauter ehrgeizige Ziele. Von Innsbruck aus wollten wir über den Brenner nach Italien und dort mehrere Tage die legendären Anstiege der Alpen bezwingen mit den Drei Zinnen als dem Höhe- und Schlusspunkt der Reise. Das die Wettervorhersage für das Hochgebirge nicht sonderlich verheißungsvoll war, hatten wir natürlich schon zu diesem Zeitpunkt gewusst und auf dem letzten Teil der Anreise von München nach Innsbruck ließen die Aussicht auf schneebedeckte Berge und ein bleigrauer Himmel schon erahnen, was auf uns zukommen würde. Dennoch rechnete ich zu dieser Jahreszeit nicht damit, die zwei Jacken, Langfingerhandschuhe und Skiunterwäsche in meinem Rucksack wirklich zu brauchen.
In Innsbruck erwartete uns dann auch tatsächlich zunächst einmal Sonnenschein und bei einem gemütlichen Frühling in einem Straßencafé unter dem Goldenen Dachl stärkten wir uns für die erste Etappe unserer Reise. Um sich langsam wieder an die Berge zu gewöhnen, gestaltete sich diese entsprechend kurz und entspannt in Form eines lockeren Einrollens bis nach Steinach am Brenner.

Am nächsten Morgen stand dann mit der Überquerung des Brenners und des immerhin 2094 m hohen Jaufenpasses die erste topographische Herausforderung an. Am Gipfel des Berges erwartete uns dann in Form eines Schneesturms mit Hagel und Nebel die erste Wetterkapriole. Glücklicherweise hatte das einzige Café am Gipfel geöffnet, sodass wir dort bei Kaffee und Kuchen Zuflucht fanden und etwa eine Stunde abwarteten, bis das Schlimmste vorbei war. Die anschließende serpentinenreiche Abfahrt bei noch immer nassen Straßen und schlechter Sicht gestaltete sich dann letztendlich fast anspruchsvoller als der eigentliche Anstieg, sodass wir froh waren, als wir nach knapp 100 km mit 1613 Höhenmetern an unserem Zielort Meran ankommen. Dort herrschte auf wundersame Weise wieder herrlichstes Wetter, sodass wir den Abend in sommerlicher Atmosphäre in einer Eisdiele ausklingen lassen konnten.


Am nächsten Tag stand die „Königsetappe“ unserer Reise an. Über fast 130 km mit 2846 Höhenmetern ging es von Meran über den maximal 24 % steilen Nigerpass – hier war ich das erste Mal wirklich froh über mein 29er Ritzel – und den berühmten 2239 Meter hohen Passo Pordoi nach Arabba, eigentlich ein Wintersportort auf einer Höhe von 1604 Metern. Hier hatten wir zwei Übernachtungen eingeplant, da wir am folgenden Tag die bei Zweiradfahrern äußert beliebte „Sella Ronda“ – einen Rundweg um das Sellamassiv – absolvieren wollten.
So ging es dann am nächsten Morgen den Pordoi von der anderen Seite wieder hoch, es folgten das Sellajoch, das Grödner Joch und schließlich der Campolongopass. Beim anschließenden Abendessen im Hotel informierte der Kellner uns dann darüber, dass für die kommende Nacht mit Neuschnee gerechnet wurde. Da so etwas in dieser Höhenlage jedoch nicht ganz ungewöhnlich ist, beunruhigte uns diese Nachricht noch nicht so sonderlich, schließlich waren die Temperaturen zwar nicht überwältigend aber dennoch weit genug im Plusbereich um davon ausgehen zu können, dass der Schnee nicht liegen bleiben würde.
Diese Ansicht erwies sich jedoch als Fehleinschätzung, als ich am nächsten Morgen die Vorhänge vor meinem Hotelzimmer öffnete. Die grünen Berghänge und Tannen waren unter einer weißen Decke verschwunden und es fielen noch immer dichte weiße Flocken. Um dieses wunderschöne Alpenpanorama perfekt zu machen, fehlten eigentlich nur noch der Glühwein und die Weihnachtsbeleuchtung. An die eigentlich geplante Weiterfahrt nach Toblach war jedoch nicht mehr zu denken, die Straßen waren selbst für Autos kaum befahrbar und die Passstraßen offiziell gesperrt. Glücklicherweise war es kein Problem, im Hotel eine Verlängerung unseres Aufenthaltes zu buchen. Da die neuen Gäste, die an diesem Tag anreisen wollten, genauso wenig dort hinkommen wie wir abreisen konnten, standen genug freie Zimmer zur Verfügung. Da die Wettervorhersage für den nächsten Tag ähnlich bescheiden war, entschlossen wir uns schweren Herzens, direkt zwei weitere Nächte zu bleiben und unsere Weiterreise abzubrechen.

Wintertraum

Wintertraum

Den Rest des Tages verbrachten wir so damit, im Schnee spazieren zu gehen, eine Schneeballschlacht zu machen und Schneemänner zu bauen. Am nächsten Morgen hatte es dann tatsächlich aufgehört zu schneien und sogar ein wenig getaut, sodass wir den kühnen Plan fassten, zumindest eine kleine Runde mit dem Rad zu drehen. Doch schon an unserem ersten Ziel, dem 2105 m hohen Passo di Falzarego, setzte der Schneefall wieder ein und die Temperaturen sanken bis um den Gefrierpunkt. Entsprechend kehrten wir über den Valparolapass und den Campolongo dann auch recht zügig wieder nach Arabba zurück. Vereiste Stellen auf den Abfahrten und eine durch den Schneefall äußerst begrenzte Sicht führten auch hier dazu, dass der Begriff „Wintersport“ für mich eine völlig neue Bedeutung bekam, glücklicherweise gelang es uns aber tatsächlich, dieses gesamte Abenteuer ohne Stürze und nennenswerte Defekte zu überstehen.
Der folgende Tag war dann schon der letzte unserer Reise. Bei wieder etwas stabileren Witterungsbedingungen passierten wir erneut den Campolongo und rollten dann nur noch bergab bis Brixen, wo wir in den Zug nach München stiegen und von dort schließlich mit dem Nachtzug nach Münster fuhren. Dort erwartete mich bei meiner Ankunft zunächst ein regelrechter Temperaturschock, denn mit gut 20 Grad war es dort dann etwa 20 Grad wärmer als es in den letzten Tagen gewesen war.
Insgesamt betrachtet war unsere Reise sicher so episch und spektakulär, wie ich es im Vorfeld erhofft hatte – allerdings eher in meteorologischer als in sportlicher Hinsicht, da wir doch wesentlich weniger fahren konnte als es geplant war. Wir wollen nun im Juli noch einmal nach Frankreich in die Alpen. Da sind die Berge nicht ganz so hoch und die Temperaturen höher, sodass das dann ohne Neuschnee klappen sollte.

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