Radclub Münster e.V.

Radsport aus Leidenschaft

Alter Schwede

Von Christian Brüggemann im Juni 2013

 Verpflegung nach dem ersten Drittel: Typisch schwedisch! | Foto: C. Brüggemann

Verpflegung nach dem ersten Drittel: Typisch schwedisch! | Foto: C. Brüggemann

Nachts um zwei Köttbullar mit Kartoffelbrei? Morgens um acht 200km auf dem Tacho? Den Tacho-Akku leergefahren? Das passiert einem auf der Vätternrundan in Schweden, dem größten Jedermannrennen der Welt. Christian Brüggemann und sein Bruder Ingo nahmen an dem 300km-Klassiker teil.

Glück muss man auch mal haben: Erst schafft man es an einem Montag im September 2012 im Internet zwei Startplätze von 23.000 zu ergattern, obwohl diese innerhalb von drei Stunden vergeben sind, die Internetseite mehrmals abstürzt und die eigene Kreditkarte streikt.
Dann fährt man 10 Monate später Mitte Juni mit einem Caddy voller Camping- und Rennradausrüstung Richtung Schweden – und ab Kopenhagen regnet es Bindfäden! Der Regen geht nach dem Zeltaufbau in schönstes schwedisches Sommerwetter über.
Und nicht zuletzt schafft auch der mitangemeldete Bruder aus Kapstadt (Südafrika) es pünktlich via Amsterdam und Linköping nach Motala, das ziemlich genau mitten zwischen Göteborg und Stockholm liegt.
Dort startete am Wochenende vor Mittsommer die 48. Vätternrunde, die 2013 fast 20.000 Radfahrer und Fahrräder jeglichen Alters, Kondition und Ausstattung über 295km rund um den Vätternsee führt. Die 20.000 Einwohner-Stadt wächst in der Woche vor der Tour auf das Doppelte an. Die Teilnehmer werden unter anderem auf provisorischen Campingplätzen und in Schulen und Sporthallen einquartiert.
Wir haben lange im Voraus einen Camping-Stellplatz im Stadtteil Varamon gebucht. Von dort sind es keine 200 m zum Sandstrand und 2 km zum Stadtzentrum von Motala. Dort übernehmen die Radfahrer während der „Bicycle Week“ das Zepter: Auf dem Marktplatz findet die Bike-Expo in riesigen Zelten statt, der Stadtpark dient als Fahrradstellplatz und Festivalgelände, vor dem Rathaus ist der Startbereich aufgebaut und die Seepromenade wird zur Zielgeraden.

Es wird ernst!

Ready to go! | Foto: C. Brüggemann

Ready to go! | Foto: C. Brüggemann

Nachdem der Donnerstag also weitgehend ins Wasser gefallen ist, bleibt uns nur noch der Freitag, um möglichst gut vorbereitet in das Abenteuer „Vätternrunde„ zu starten.
Startnummern müssen abgeholt werden, die Räder aufgebaut und ein letztes Mal überprüft werden. Ein Proberunde wollen wir noch drehen, an der Pastaparty teilnehmen und ein paar Stunden „vorschlafen“. Nur letzteres klappt nicht, aber um 21.00 Uhr sind wir einigermaßen startbereit, haben die Flaschen gefüllt und sämtliche Glücksbringer angelegt.

Eine Stunde vor unserem Start stehen wir im Stadtpark und suchen Schutz vor dem kalten und heftigen Wind. Einige Teilnehmer tanzen sich vor einer Bühne warm, wir gönnen uns einen warmen Kakao und schauen zu, wie alle zwei Minuten 50 bis 70 Teilnehmer starten.
Unsere Startzeit ist 22:36, unsere Startgruppe die 96ste an diesem Abend. Das heißt, wir brauchen Beleuchtung und Reflektoren an den Rädern. An den drei Startboxen prüfen Freiwillige die Ausstattung, kurz darauf rollen wir zur Startlinie vor. Und dann ertönt auch schon das Startsignal und die Strecke ist für uns frei. Hinter einem Motorrad rollen wir aus Motala heraus, nach 2 km biegt der Fahrer links und das Feld rechts ab – genau in den kräftig wehenden Wind. Unterziehhemd, Jacke sowie Arm- und Beinlinge bewähren sich bereits jetzt, später in dieser schwedischen Nacht werden sie uns retten.

Kjöttbullar, Salzgurken, Blaubeersuppe

Die ersten 104 km nach Jönköping an der Südspitze des Sees kosten mehr Körner als gedacht. Jeder versucht, in Gruppen den Windschatten zu nutzen. Es wird immer dunkler, erste Anstiege bremsen das Tempo und nehmen etwas von der aufgekommenen Hektik aus dem Feld. Gegen halb zwei morgens ist hinter uns bereits eine Spur von Morgendämmerung am Himmel zu erkennen und nach knapp vier Stunden erreichen wir die „Depot“ genannte Verpflegungsstelle in Jönköping. In der geheizten Halle (draußen sind es mittlerweile nur noch 7 Grad) wartet eine wahre Vätternrunden-Delikatesse auf uns: Köttbullar mit Kartoffelbrei, Preiselbeeren und Salzgurken. Dazu wird warme Blaubeersuppe an die unzähligen Radler ausgeteilt. Vor allem die salzigen Gurkenstücke sind gewöhnungsbedürftig, am Ende haben sie uns aber vermutlich vor Krämpfen bewahrt.
Nach einer halben Stunde geht die Reise weiter, inzwischen ist es schon so hell, dass man keine Lampe mehr braucht. Der Wind hat deutlich nachgelassen und schiebt leicht mit, denn die Strecke führt jetzt an der Westseite des Sees gen Nordosten. Spektakuläre Aussichten über den sonnengefluteten See wechseln sich mit Bullerbü-Landschaften und langen Abschnitten durch die Wälder ab. An vielen Hofeinfahrten haben es sich Zuschauer und Anwohner mit Sofas und Lagerfeuern gemütlich gemacht und feuern die Fahrer an. Selbst Kinder stehen mitten in der Nacht klatschend und „Heja! Heja!“ rufend am Straßenrand.

Halbzeit

295km um den Vätternsee | Foto: C. Brüggemann

295km um den Vätternsee | Foto: C. Brüggemann

Schneller als gedacht, ist die Hälfte der Runde geschafft. Doch nun wird es ernst: Müdigkeit kommt auf. Dazu kommen ungezählte Anstiege, die nicht wegen der Prozente wehtun, sondern wegen ihrer Länge. Immerhin geht es danach meist auch genauso lange wieder bergab. Dabei sorgt die Sonne inzwischen für die dringend benötigte Wärme. In kleinen Dörfern rattert das Feld über Kopfsteinpflaster, einige Lampen bleiben dort in Einzelteilen zurück.
An einem weiteren Depot (mittlerweile das siebte) schlagen wir uns den Bauch mit Bananen, Gurken und pappigen Milchbrötchen voll. Dann steht am Straßenrand das 100km-Schild, zwei Drittel sind geschafft. Wir denken das erste Mal darüber nach, dass wir es schaffen könnten. Zudem ist es endlich so warm, dass wir „kurz“ fahren können. Endorphine, Adrenalin, Kohlenhydrate und Koffein entfalten so ihre Wirkung und wir fahren uns ins „Cyclists High“. Zu viert starten wir eine Gruppe und fliegen kreiselnd durch die schwedischen Wälder. Über gut 20 km schaffen wir einen 33er Schnitt, nehmen dann aber doch wieder Vernunft an.

Am Hammarsund wartet der Mann mit dem Hammer

Plötzlich sind es nur noch 40 km bis ins Ziel. Die spektakuläre Hammarsundbrücke an der Nordspitze des Sees markiert den letzten Wendepunkt. Klar haben wir es davor etwas übertrieben, dazu kommt aber auch die Gewissheit, dass unsere Vätternrunde 2013 in weniger als zwei Stunden zu Ende ist. Zusätzlich haben es die letzten Kilometer noch in sich. „Vergesst nicht den Berg bei km 260!“, hatte man uns vorher gewarnt. Was man uns nicht sagte: Es sind gleich mehrere giftige Anstiege. Dazu kommen noch zwei Schleifen, die von der Hauptstraße nach Motala wegführen, die Strecke psychologisch verlängern und wieder Gegenwind bieten. Ein Endspurt fällt heute damit wohl aus.

Der Lohn der Arbeit | Foto: C. Brüggemann

Der Lohn der Arbeit | Foto: C. Brüggemann

Halbwegs zügig führen uns die letzten 10 km nach Motala, über die nagelneue Umgehungsstraße geht es zur Seepromenade, und dann rollen wir nach 13 Stunden glücklich ins Ziel! Unser Plan ist aufgegangen: Zum 27er Schnitt kommen insgesamt knapp zwei Stunden Pause. So ganz können wir noch nicht glauben, dass wir unser bislang weitestes und längstes Radrennen geschafft haben. Zielfoto, Medaille, Finisher-Bier und Nudelsalat sowie ein jubelnder Empfang unserer mitgereisten Schwester Daniela sind der erste Lohn für die Mühen. Ausstrecken im Stadtpark, ein langer Mittagsschlaf und Gutes vom Grill leiten die Regenerationsphase ein. Wenn wir doch jetzt eine Woche Kur am Vätternsee dranhängen könnten! Stattdessen müssen wir am Sonntag morgen schon um 3:00 Uhr aufstehen, damit Ingo den Flieger nach Kapstadt bekommt und ich am Sonntag abend wieder in Münster bin.

Aber genauso haben wir es ja gewollt. See you in Motala!
Alter Schwede!

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