Radclub Münster e.V.

Radsport aus Leidenschaft

Einmal im Leben – Transalp (light) von Sonthofen zum Gardasee

Von Christian Wagner im August 2013

Gampenpass, Foto: privat

Gampenpass, Foto: privat

Einmal mit dem Rad über die Alpen. Auch dieses ein Punkt auf der „Muss-man-mal-gemacht-haben“-Liste des von Karl-Heinz zuvor zitierten Artikels einer Radzeitschrift. Die Idee an sich spukte mir schon lange im Kopf herum, und Anfang des Jahres gab dann die beste aller Ehefrauen (eine rein subjektive Meinung des Autors) das „Go“. Die Planung konnte beginnen. Die Wochen darauf haben mir schon fast so viel Spaß gemacht wie die Tour selbst. Jeder Artikel zum Thema wurde verschlungen, Packlisten wurden seziert und diverse Online-Routenplaner bzgl. diverser aus heutiger Sicht völlig absurder, Tagesetappen konsultiert.
Schließlich stand die erste Route, 5 Tage, 450 Km, knapp 9000 Hm. Die langen Monate bin zum Ende des Märzwinters konnte ich mit der Vorfreude so gut überstehen.

Im April konnte das Training endlich halbwegs ernsthat beginnen und gleich die ersten größeren Touren durch das Sauerland brachten die bittere Erkenntnis: Christian, das wird so nix. 34/28 wird in den Alpen nicht reichen und mehr als 2000 Hm pro Tag sind wohl auch etwas zu ambitioniert. Sportlicher Ehrgeiz und beginnende Altersweisheit wurden daraufhin an den Konferenztisch geholt und es wurde intensiv um Ritzelpakete, Hm und jedes Gramm an Ausrüstung gefeilscht. Tag 3 wurde von der Königsetappe zu einer Art „Ruhetag“ degradiert.

Auffahrt zum Hahntennjoch, Foto: privat

Auffahrt zum Hahntennjoch, Foto: privat

(Was mich geritten hat, Stilfser Joch und Gaviapass an einem Tag fahren zu wollen, ist mir heute völlig schleierhaft.) Das „Tourenrad“ mit dreifach und Scheibenbremsen wurde zum Fahrzeug der Wahl. Insgesamt haben wir die Route im Laufe der Verhandlungen auf 435 Km, 6800 Hm und 9 Pässe entschärft. Im Nachhinein alles sehr, sehr gute Entscheidungen.

Ende Juli, das Wetter war europaweit stabil bei 35 – 40 Grad, ging es los. Gleich Tag eins stellte mit 1894 Meter n Form des Hahntennjochs das Dach der Tour dar. Die letzten 5 Kilometer mit konstant 12 – 15 % und der Aufstieg am Tag darauf zur Piller Höhe mit bis zu 16 % sind eindeutig das härteste, das ich bisher erlebt habe. Und ja, ich habe den einen oder anderen Meter geschoben, aber das bleibt bitte unter uns. Wenn das erste Gefühl der Peinlichkeit mal überwunden ist, macht das sogar nicht mehr viel aus. Alle Radler, die da rumfuhren, waren schließlich deutlich jünger, na ja, fast alle. Danach konnte ich zum Glück alles fahrend bewältigen. An den nächsten Tagen ging es dann durchs Inntal über den Reschenpass ins Vinschgau nach Meran. Tag 3 über den Vinschgauradweg hatte nur 70 KM, 350 Hm aber 1200 Hm Abfahrt. Also wirklich ein Ruhetag. Falls mal jemand in der Ecke ist, Aktivhotel Pöder in Lana, 4 Sterne uind 5-Gänge-Abendessen. Sehr zu empfehlen.

Tag 4 begann mit dem Gampenpass, 1200 Hm am Stück, bei 8-9% aber sehr gut weil rythmisch zu fahren, dauert halt nur ein wenig. Rüber ins Val di Sole, dass mit über 40 Grad an dem Tag seinem Namen alles Ehre machte. Dummerweise hatte ich nicht eingeplant, dass ab dem Landstrich Richtung Süden in Italien Siesta gehalten wird. Von 12:30 bis 16:00 Uhr geht da gar nichts. Kein Laden, kein Restaurant, kein Mensch weit und breit. Meine Flaschen waren schon länger leer und so langsam kroch ich arg auf dem mittlerweile knochentrockenen Zahnfleisch. Ich hab dann einfach jeden Dorfbrunnen und jeden Gebirgsbach zum Auffüllen genommen, ging zum Glück auch. Noch über den Passo Carlo Magno nach Madonna di Campiglio und einige kleinere Pässe (die an Tag 5 aber auch schon wehtun) rüber und dann der große Moment: Der Gardasse zum ersten Mal im Blick. Das Gefühl es so gut wie geschafft zu haben, unglaublich. Um mich herum saßen einige Mountainbiker, die alle ein ganz stilles, aber zutiefst zufriedenes Lächeln im Gesicht trugen. Wahrscheinlich sah ich selbst ähnlich aus. Gesprochen hat keiner, ein kurzes Nicken reichte allen.

Vinschgauradweg - erste Palmen, Foto: privat

Vinschgauradweg – erste Palmen, Foto: privat

Die Woche darauf dann Urlaub am Gardasee mit Frau und Sohnemann, die das Begleitfahrzeug besetzt haben. Es war schon sehr angenehm, nicht auch noch ganz großes Gepäck am Rad zu haben. Eine Woche Sonne und relaxen. Zwar kribbelte  es nach 3 Tagen schon wieder leicht in den Beinen, aber das Rad durfte ich unter diversen Androhungen wie  „ich spreche nie wieder mit dir“ bis zu „ich lasse mich scheiden“ in der Woche nicht anfassen.

Sollte ich die Tour mit wenigen Worten beschreiben, würde ich grandios, beeindruckend und unvergesslich wählen. Grandiose Eindrücke, beeindruckende Landschaften und sportliche Herausforderungen, unvergessliche Momente.
Die Hauptsache war durchkommen, irgendwie, und das möglichst heile. Mission erfüllt. Absolut stolz bin ich darauf, mich richtig eingeschätzt und nicht übernommen zu haben. So wurde aus der Tour keine Tortour und Genuss und Freude über das geleistete und erlebte standen zunehmend im Vordergrund. Dass kein 2000er in die Planung passte fuchst mich allerdings doch bis heute etwas.

Und jetzt? Motivationstechnisch bin ich aus dem schwarzen Loch noch nicht wirklich raus, aber auf der Einmal im Leben-Liste stehen ja noch einige Dinge drauf. Und für den MS-Giro hab ich mich spontan auch noch angemeldet.

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