Radclub Münster e.V.

Radsport aus Leidenschaft

Einmal im Leben – 48 Haarnadelkehren hinauf zum Stilfser Joch

Von Karl-Heinz Althues im August 2013

Kehrenverlauf zum Stilfser Joch, Foto: privat

Kehrenverlauf zum Stilfser Joch, Foto: privat

„Einmal im Leben“, Dinge, die jeder Hobbyrennradler einmal im Leben gemacht haben muss. So titelte ein großes Radsportmagazin in seiner Februar-Ausgabe des Jahres. Dabei fiel mein Augenmerk auf den kleinen Artikel „Das Stilfser Joch bezwingen“.
Für ein verlängertes Wochenende quartierten wir uns in ein Hotel in der Vinschgau-Gemeinde Schluderns ein.

Passend dazu hatte ich auf GPSies eine 143 km lange Rundstrecke entdeckt, die ich auf mein jüngst erworbenes Garmin zog. Alternativ stand mir aber auch ein 65 km langer Rundkurs zur Verfügung. Samstagmorgen, nach einem ausgiebigen Frühstück gegen 9.30 Uhr beginnt die nach meinem Empfinden zunächst leicht abschüssige Fahrt nach Spondinig.
Hier biege ich auf die Stilfser Joch Passstraße, die bis Kilometer 6 weiterhin eben bis ins 913 m hoch gelegene Prad verläuft, ab. Dort, und ich spüre es sofort, beginnt die Steigung zu dem als „Königin der Alpenpässe“ bezeichneten Stilfser Joch. 24,5 km und 1844 zu meisternde Höhenmeter liegen vor mir.
Die Temperatur beträgt jetzt bereits knapp 20°C, die Steigung liegt bei 8 %. Gut, dass ich das Kurzarm-Trikot gewählt habe. Voraus blicke ich auf die grandiose Gletscherwelt der Ortler-Gruppe. Nur nicht „überpacen“. Mein Puls pendelt sich auf 140 – 150 Schläge die Minute ein, als ich mich mit einer Geschwindigkeit von 9-12 km/h Meter um Meter höher schraube.

Das Stilfser Joch, Foto: privat

Das Stilfser Joch, Foto: privat

Nach dem Abzweig zu der Gemeinde Sulden taucht plötzlich und unvermittelt die Kehre mit der Nummerierung „ 48“ auf. Sie ist die erste der 48 Kehren bis zur Passhöhe. Die Kehren werden bei dieser Fahrt rückwärts gezählt. Gleich darauf folgt Kehre „47“. Dann schwingt sich die Straße zu einer durchgängigen Steigung von 10 % auf, keine weiteren Kehren.
Ich kurble mit durchschnittlich 60 Pedalumdrehungen/Minute. Teilweise laut knatternde Motorräder überholen mich, dann ist es plötzlich wieder still. Schwer bepackte Tourenradfahrer kämpfen mit der Steigung. Die Sonne scheint, die Temperatur bleibt konstant und der Schweiß rinnt. Dann folgt Kehre auf Kehre, 46, 45 bis zur Kehre Nr. 8, wo ich kurz halte und mir eine Aussicht in Richtung Ötztal gönne. Noch einmal zieht die Steigung auf 12 % an, dann ist der Pass erreicht. Motorräder ohne Ende, dazu Souvenirläden.
Zwei Würstchenbuden sind dicht umringt. Ich gönne mir ebenfalls eine Bratwurst im Brötchen mit Senf –schöne geschmackliche Abwechslung zu den Powerbarriegeln-. Dann fahre ich noch rund 20 Meter höher hinaus bis zur s.g. Tibethütte, von der ein toller Blick auf die angrenzende Bergwelt möglich ist. Selbst auf 2.780 Meter Höhe bleibt das Thermometer auf rd. 20 Grad.

Landschaftlich spektakulär, die Fahrt Ri. Bormio, Foto: privat

Landschaftlich spektakulär, die Fahrt Ri. Bormio, Foto: privat

Ich entschließe mich für die 142 km Runde. Jetzt geht es über 22 km 1500 Meter in 31 Kehren abwärts Richtung Bormio. Zwei kurze Tunnel sowie fünf unbeleuchtete Tunnelgalerien bis zu 2000 Meter Länge durchfahre ich.

Die Temperatur steigt auf 37 °C, dann geht es für 21 Kilometer wieder hinauf auf den 2.291 Meter hohen Passo di Foscagno. Der Pass ist mit seiner 5-7 %tigen Steigung gut zu befahren. Etwas störend wirkt sich nur der rege Fahrzeugverkehr aus, da viele Touristen über den Pass das Zollausschlussgebiet zum günstigen Einkaufen und Tanken (Diesel für 1,06 €/Liter) ansteuern.
Ich folge der SS 301 in Richtung Livingno. Nur der 2.209 Meter hohe Passo d´Eira, den ich über die Ponte de Rezz nach weiteren knapp 200 Höhenmetern erreiche, stellt sich meinem Zwischenziel Livingno entgegen.
Durch Livigno und immer leicht abfallend für 10 Kilometer entlang des Ostufers des Lago de Livigno verläuft die Fahrt durch mehrere Tunnelgalerien bis zur italienisch/schweizerischen Grenze mit dem Tunnel unter dem Munt la Schera. Der fast 3,5 Meter lange Tunnel kann von Radfahrern nicht mehr passiert werden. Es herrscht Blockabfertigung, da die Tunnelröhre maximal 2,5 Meter Breite aufweist. Radfahrer werden mit einem Shuttlebus samt Fahrradanhänger transportiert. Hier habe ich Glück, dass mich der Bus als letzten von 14 Fahrgästen noch mitnimmt. Da mein Rennrad auf dem Hänger keinen Platz mehr findet, wird es im Bus transportiert. 25 weitere wartende Radfahrer können erst mit den nächsten Fahrten (Kosten: 8 €) transportiert werden.

Der letzte Pass: Ofenpass, Foto: privat

Der letzte Pass: Ofenpass, Foto: privat

Noch einen Pass habe ich zu bewältigen: 10 Kilometer sind es von hier bis zum 2.149 Meter hohen Ofenpass. Die letzten drei Kilometer fordern mich bei durchschnittlich 10 % Steigung und einem warmen Gegenwind. Unspektakulär die Passhöhe, dann beginnt ein sehr angenehmer Teil der Strecke: 30 Kilometer immer bergab durch das Val Müstair vorbei an vielen Wäldern bei wenig Autoverkehr. Um 17.30 Uhr erreiche ich wieder das Hotel in Schluderns. Für mich findet damit eine faszinierende, sportlich anspruchsvolle Rundstrecke, auf der ich 3.510 Höhenmeter bewältigte, ihren Abschluss.

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